Mein syrischer Freund

Seit 2016 wohnt der Syrer Fauzy Dawwara in unserem Haushalt. Er floh aus der syrischen Armee und kann nicht mehr zurück. Hier in Deutschland hat er an der TU Darmstadt einen Master of Science in Elektrotechnik gemacht und arbeitet nun für meinen wichtigsten Kunden. Er hat unsere Familie sehr bereichert und ist mir ein guter Freund geworden.

Zu Beginn der Flüchtlingskrise…

2015 zu Beginn der Flüchtlingskrise war ich überrascht, dass Deutschland damals seinen Beitrag zur Bewältigung internationalen Leids leistete. Wir haben als Familie überlegt, wie wir unseren Beitrag zur Bewältigung der Aufgabe leisten können.

In Bürstadt entwickelte sich für dieses ehrenamtliche Engagement das „Bürstädter Netzwerk Asyl“ rund um die katholische Pfarrgruppe St. Michael. Ich war angenehm überrascht, wie die Katholiken beeindruckendes geleistet haben. Ich glaube, dass Michael Held dafür eine wichtige Rolle spielte.

Teilnehmer des Netzwerks organisierten unter Anderem wöchentliche Deutschkurse für Anfänger, unterstützten Kranke und verteilten Sachspenden. Mit den Flüchtlingen wurden Ausflüge geplant usw.

Ich habe meine alte, wenig genutzte Western-Gitarre für einen Flüchtling gespendet, der damit mehr anzufangen wusste. Und mein altes Fahrrad habe ich auch verschenkt.

Arztbesuche

Einmal war ich bei einem Organisationstreffen im Pfarrgemeindehaus dabei, da waren Schätzungsweise 30 Leute und es wurden auch Aufgaben verteilt. Ich habe zweimal Flüchtlinge mit dem Auto zu Ärzten gebracht und beim Übersetzen zwischen Ärztin/Arzt und Flüchtling geholfen.

Einmal bin ich mit zwei Flüchtlingen zu einem Arzt in Lampertheim gefahren. Ein Flüchtling aus Eritrea war krank, der zweite hat uns unterstützt, um von Eritrea in Englisch zu Übersetzen und ich habe von Englisch zu Deutsch übersetzt. Die Diagnose war dann Krätze. Nichts ungewöhnliches, das hatten schon einige Deutsche Freunde durchgemacht. Aber wenn die Flüchtlinge mit 4 Betten pro Zimmer untergebracht sind und der Flüchtling die vom Arzt ausgeteilten Informationsschreiben nicht lesen kann, dann ist die Behandlung nicht ganz einfach. Ich bin dann mitgekommen und habe den Flüchtlingen die Therapie genauer erklärt.

Einmal habe ich einen Flüchtling mit schweren Zahnschäden zu einer Zahnärztin in Heppenheim gefahren. Seine Zähne waren schwer geschädigt, weil er in seiner Heimat eine Droge konsumiert hatte, die Zahnschäden verursacht. Die Heppenheimer Zahnärztin war dafür bekannt, dass sie sich mit den Flüchtlingen viel Mühe gibt. Es war wohl auch nicht ganz einfach, die Genehmigungen und Zahlungen vom Sozialamt zu organisieren.

Mehrfach waren wir in Bobstadt in dem Flüchtlingswohnheim und haben dabei mehr über die Situation der Flüchtlinge gelernt.

Alle Flüchtlinge, die ich kennen gelernt habe, waren sehr nett.

Fachliche Optimierung

Nur erschien es mir nicht so toll effizient, einen Flüchtling mit dem Auto nach Heppenheim zu fahren, wenn ich selbst einen Arzttermin in Heppenheim eher mit dem Bus oder Fahrrad wahrnehmen würde und einen Zahnarzt in Bürstadt habe.

Also habe ich überlegt, wie ich meine Kenntnisse und Fähigkeiten effizienter einsetzen kann. Zunächst habe ich versucht, einige Flüchtlinge dabei zu unterstützen, mit ihrem W-Lan Router klarzukommen und ihre Virenverseuchten Notebooks und Smartphones zu bereinigen.

Dann habe ich Michael Held gefragt, ob unter den Flüchtlingen auch Leute aus meinem Arbeitsfeld Programmierung / Elektronik dabei sind. Zunächst lernte ich einen netten jungen Mann kennen, der nicht zum Wehrdienst in Syrien eingezogen werden wollte und daher nach Deutschland floh. Aber da der junge Mann Termine für Treffen nicht einhielt, wusste ich nichts mit ihm anzufangen. Es ist bedauerlich, wenn junge Menschen durch Flucht von ihren Familien getrennt werden, bevor sie die nötige Reife erlangt haben.

Hotel Berg

Im Hotel Berg gab es damals keinen Internetzugang. Und der war für die Flüchtlinge wichtig. Also haben die ca. 80 Flüchtlinge Smartphone-Flatrates benutzt, die viel zu klein waren um sich den Tag zu vertreiben und etwas zu lernen.

So kam es zu einer Initiative, in der wir ein WLAN-Netz im Hotel Berg aufgebaut haben. Der Besitzer erlaubte uns den Zugang über Kabelanschluss mit Unitymedia und Unitymedia stellte für die ersten zwei Jahre kostenlos einen ca. 100 MBit Zugang zur Verfügung.

So habe ich den Vertrag mit Unitymedia abgeschlossen, ca. 6 W-Lan Router gekauft und die Verantwortung übernommen. Erstaunlicherweise haben die Aktivisten von Freifunk, allen voran Daniel Stampp, gemeinsam mit den Flüchtlingen das WLAN Mesh aufgebaut. Ich war nie im Hotel Berg!

Freifunk hatte eine grafische Nutzungs-Anzeige des WLAN Meshs und ich konnte damals sehen, wie die Flüchtlinge das WLAN intensiv benutzt haben. Nachdem heute nur noch wenige Flüchtlinge im Hotel Berg untergebracht sind, habe ich kürzlich den Vertrag gekündigt. Erstaunlicherweise habe ich nie etwas an Unitymedia bezahlt, sie haben auf das Geld verzichtet!

Fauzy

Dann hat Herr Held mir Fauzy Dawwara vorgestellt. Er ist etwas älter und war in der Syrischen Armee wehrpflichtig, als der Bürgerkrieg begann. Als er an einem Checkpoint eingesetzt werden sollte, um ggf. auf Rebellen zu schießen, ist er unter hohem Risiko außer Landes geflohen. Er hat in Syrien Elektrotechnik studiert, dann bei einer Syrischen Mobilfunkfirma Sendemasten in Betrieb genommen, musste dann zum Wehrdienst und ist von da zu Beginn des Bürgerkriegs zunächst nach Katar geflüchtet.

Fauzy hat erlebt, in einem Boot auf dem Mittelmeer zu treiben, wenn der Motor ausgefallen ist…

Praktikum

Fauzy hat zunächst bei mir ein Praktikum von ca. 8 Wochen gemacht, das von staatlichen Stellen bezahlt wurde. Mich hat das nichts gekostet. Dabei konnte ich seine Ausbildung einschätzen.

Eines der ersten Projekte war dann, dass Fauzy die Freifunk-Aktivisten beim Aufbau des WLANs unterstützt hat. Gemeinsam mit Daniel Stampp hat er das Netzwerk aufgebaut und zum Laufen gebracht.

Wohnung

Durch die Bekanntschaft mit Flüchtlingen habe ich miterlebt, wie schwierig die Unterbringung im Hotel Berg war. Jeweils zwei Flüchtlinge wurden in einem Hotelzimmer untergebracht. Das hat Auseinandersetzungen verursacht. Beispielsweise, wenn ein Flüchtling morgens um 8:00 Uhr einen Deutschkurs besuchte, und der andere bis Nachts gegen 5:00 Uhr Musik hören wollte.

Nachdem Fauzy meiner Familie durch das Praktikum gut bekannt war, haben wir einen wenig genutzten großen Kellerraum als Wohnung angeboten. Dort wohnt er seit 2016 mit Unterbrechungen.

Deutschkurse

Nach dem anfänglichen Praktikum hat Fauzy in erster Linie Deutschkurse belegt. Währenddessen hat er vom Sozialamt Grundleistung nach dem Asyl-Blg erhalten, das ist 19% weniger als Harz IV.

Für mich hat er als geringfügiger Nebenjob auf 450€-Basis gearbeitet. Das Sozialamt hat die Grundleistung wegen dieses Zuverdiensts erheblich gekürzt, sodass er nur ca. 100€ mehr verdient hat, als hätte er nicht für mich gearbeitet.

Deutschkurse der Niveaus A1, A2, B1, B2 und C1 zu absolvieren, dauert eine geraume Zeit. Auch wenn man intensiv daran arbeitet. Das C1 Niveau ist Voraussetzung für ein Studium bei uns, und das wird anspruchsvoll geprüft. Viele schaffen das nicht. B2 entspricht etwa dem was ein durchschnittlicher deutscher Abiturient in Englisch lernt. Für ein Studium ist C1 notwendig.

Fauzy und ich haben uns sowohl bei der Arbeit, als auch privat viel in Deutsch unterhalten. Das war natürlich Training für die Deutschkurse.

Bereits recht früh hat Fauzy andere arabisch-sprechende Flüchtlinge unterstützt indem er sie zum Übersetzen zu Behörden begleitet hat.

Platinenentwicklung

Fauzy hat in dieser Zeit eine Platine zur Steuerung von Farbversorgungen für industrielle Inkjet-Druckmaschinen entwickelt. Hiervon hat mein Kunde mittlerweile hunderte im Einsatz. Fauzy hat am Konzept mitgearbeitet und den Schaltplan und das Layout entwickelt. Die Software zur Steuerung habe ich entwickelt.

Die von Fauzy entwickelte Steuerungsplatine

Fauzy fand diese Arbeit fachlich interessant und niemand hat dabei Geld verloren.

Studium

Nach erfolgreichem Abschluss der C1-Prüfung in Deutsch hat Fauzy dann ab Wintersemester 2017/2018 sein Master-Studium an der TU Darmstadt begonnen.

Fauzy beim Studium in einem Labor der Universität Darmstadt

Während des Master-Studiums an der TU-Darmstadt erhielt Fauzy Bafög. Ich habe ihn weiter mit einem Job auf 450€-Basis unterstützt, mit maximal möglicher Freiheit bei der Zeitplanung.

In dieser Zeit hat er an der ersten Steuerungsplatine Verbesserungen durchgeführt und die Fertigung mehrerer Hundert Exemplare koordiniert, außerdem zwei weitere ähnliche Projekte begonnen.

Nach dem ersten Studienjahr wurde ein Zimmer in einem Studentenwohnheim frei und Fauzy hat dann in Darmstadt gewohnt. Manchmal sind wir z.B. gemeinsam auf eine Fridays-For-Future Demonstration in Darmstadt oder Bensheim gegangen.

Fauzy mit meiner Familie bei der Demo der Fridays for Future in Bensheim am 15.3.2019

Die Master-Arbeit hat er in Erlangen gemacht und dort auch gewohnt. Seine Möbel hat er solange wieder bei uns im Keller zwischengelagert.

Familie

Fauzy ist für meine Familie eine große Bereicherung. Mein Sohn war 11, als Fauzy bei uns eingezogen sind, und Fauzy ist für ihn wie ein großer Bruder.

Mit Fauzy und meiner Familie beim Chocola in Heppenheim

Jetzt in der Corona-Pandemie ist er natürlich viel zu hause und wir verbringen entspannte Zeit miteinander.

Vor Corona hat er oft seine Freunde in Darmstadt besucht und manchmal kamen seine Freunde auch hierher, zum Beispiel um in unserem Garten gemeinsam zu grillen. Zu keinem Zeitpunkt hat das Ärger verursacht.

Nach dem Studium

Als Master of Science ist er dann wieder bei uns in den Keller eingezogen, um sich einen Job zu suchen. Es gab dann eine Jobzusage vom Frauenhofer Institut und eine von meinem Kunden, für den er die Steuerplatine entwickelt hat. Die letztere Stelle hat er angenommen und arbeitet jetzt versicherungspflichtig als Ingenieur. Die staatliche Förderung am Anfang hat sich dadurch auch für unser Gemeinwohl gelohnt.

Für einige Monate arbeitet er jetzt hier in meinem Büro als Schulungszeit für die Übernahme der komplexen Softwareprojekte. Dann wird er nach Baiersbronn im Schwarzwald zu meinem Kunden umziehen und vor Ort mit den Druckmaschinen arbeiten.

Fauzy Dawwara (rechts) und Bernd Herd (links) bei der Arbeit im Büro

Ich hoffe, dass er mich bei der Arbeit entlasten kann und hoffe, dass wir noch viele Jahre zusammen an diesen Projekten arbeiten werden.

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