Umverteilung von oben nach unten

Wie mit erneuerbaren Energien (hierzulande) wirklich jede und jeder vom Klimaschutz profitieren kann.

Dies ist ein Repost eines Artikels von Nick Reimer und dem Fotografen Paul Langrock in der Zeitschift Naturfreundin 1/2020 mit freundlicher Genehmigung des

Naturfreunde-Verlags Freizeit und Wandern GmbH · www.naturfreunde-verlag.de.

Es ist das „marxistischste“ Gesetz, das jemals in der Bundesrepublik beschlossen wurde: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz organisierte seit dem Jahr 2000 den Umbau des deutschen Energiesystems. Weil wir uns wegen der Klimakrise Strom aus Kohle nicht mehr leisten können, werden all jene belohnt, die in grüne Kapazitäten investieren: Windräder, Biogas- oder Solarkraftwerke. Das hat zu einer Umverteilung von Produktionsmitteln von oben nach unten geführt: Die großen Energiekonzerne verloren Marktmacht und jene, die bislang einfache Stromkunden*innen waren, produzieren plötzlich selbst ihren Strom.

Möglich wurde das, weil das Erneuerbare-Energien-Gesetz auch Normalbürger*innen auf 20 Jahre einen festen Abnahmepreis für selbst produzierten Strom garantiert: Diese Preisgarantie machte Max Musterfrau kreditwürdig und der sogenannte „Einspeisevorrang“ für Grünstrom stellt sicher, dass Max Musterfrau sein oder ihr Produkt auch verkaufen kann. Ziel ist ja, dass immer mehr fossilfreier Strom in die Leitungen und damit aus der Steckdose kommt.

Als ob sich das Karl Marx selbst ausgedacht hätte: Heute besitzen nicht mehr nur die Krupps und Eons, Aktionärinnen und Hedgefonds Kraftwerke. Solardächer und Windräder gehören heute zum überwiegenden Teil schwäbischen Häusle-Bauerinnen, niedersächsischen Landwirt*innen oder Zahnärzt*innen in Hamburg. Sie sind im Besitz von brandenburgischen Klimaschützer*innen, Hotelier*innen in Mecklenburg oder bayerischen Stadtwerken – und gehören damit allen, die in der Kommune des Stadtwerks leben: Längst subventionieren die Erträge aus den Erneuerbaren das Stadttheater oder die rollende Bibliothek.

Feinde der Energiewende behaupten gern, dass es nur reiche Teile der Gesellschaft seien, die investieren, ergo Besitzer*innen neuer Stromerzeugungsanlagen werden können. Nur wer ein Haus und damit ein Dach besitze, könne schließlich eine Solaranlage errichten, so die Argumentation. Aber das ist eine glatte Lüge: In Deutschland kann sich wirklich jeder und jede an der Umverteilung beteiligen, auch die Unterbezahlten. Hierzulande gibt es mehr als 750 Bürgerenergiegenossenschaften, oft reichen wenige Euro aus, um Anteilsscheine zu erwerben.

Bei der Bergischen Bürgerenergiegenossenschaft aus Wuppertal kostet ein Anteilsschein zum Beispiel 100 Euro. Ab fünf Anteilen ist man stimmberechtigt. Fünf Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden – zumeist Schulen – haben die Genoss*innen bereits ans Netz gebracht, in diesem Frühjahr soll die sechste hinzukommen: Auf dem Dach eines Hallenbades in Cronenberg zwischen Wuppertal und Solingen entsteht eine 60 Kilowatt-Peak-Anlage. 56.000 Kilowattstunden Strom wird die Anlage jährlich produzieren. 10 Cent netto bringt der Verkauf jeder Kilowattstunde ein, 5.600 Euro im Jahr. Und weil Privatgeld der Genoss*innen investiert wird, fallen keine Zinsen für einen Bankkredit an: Sobald sich die Investition amortisiert hat, könnten sich die Energiegenoss*innen den Gewinn entsprechend ihrer Anteile auszahlen lassen.

Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es 332 aktuelle Projekte, bei denen Bürger*innen über ihre Gemeinschaft die Energiewende voranbringen. Prokon, die größte Bürgerenergiegenossenschaft, zählt bundesweit 37.000 Mitglieder. Schätzungen zufolge sind heute mehr als 1,5 Millionen Deutsche Besitzer*innen neuer Stromproduktionskapazitäten; und die Anzahl nackter Dächer in Deutschland ist immer noch groß.

Mitmachen kann auch, wer zwar kein Dach, aber einen Balkon bewohnt: Mittlerweile gibt es Kleinsysteme, die dem eigenen Geldbeutel nützen. Ab 299 Euro gibt es Anlagen, die man auch als Markise vor das Fenster montieren kann, falls man keinen Balkon besitzt. Solche, die jährlich 320 Kilowattstunden Strom produzieren, kosten 495 Euro. Die Rechnung ist ganz einfach: Strom aus der Steckdose kostet in der Regel 30 Cent, der selbst produzierte vom Balkon dagegen nur 10 Cent.

Nach prognostizierten acht bis neun Jahren schreibt die Anlage Gewinn. Viel eher übrigens als die Großanlage der Häusle-Besitzer gegenüber! Deren wirtschaftliches Risiko ist deshalb deutlich größer.

NICK REIMER

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